Familiärer Brust- und Eierstockkrebs

Familiärer Brust- und Eierstockkrebs

Kurz nachdem Angelina Julie im Mai 2013 ihre Entscheidung zur beidseitigen Brustdrüsenentfernung als Konsequenz aus einem Mutationsnachweis im Brustkrebs-Gen (BRCA1) publik gemacht hatte, rückte diese Thematik in den Mittelpunkt des medialen Interesses.
Vor allem eine Zahl machte die Runde durch die Presse: 80 – 85 % – so hoch sei das Risiko der Schauspielerin im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken, das Risiko eines Eierstockkrebses wurde mit 60 % berechnet.
Der darauffolgende Entschluss zur prophylaktischen Entfernung des Brustdrüsengewebes sollte jedoch keineswegs als Beispiel für alle Frauen gelten, die eine Mutation im Brustkrebs-Gen (BRCA1, BRCA2) haben.

Obwohl Brustkrebs in der mitteleuropäischen Bevölkerung die häufigste Krebserkrankung bei Frauen darstellt, treten die meisten dieser Erkrankungen sporadisch, d.h. als Einzelfall in der Familie auf. Nur in etwa 5 – 10 % der Fälle liegt eine Tumorerkrankung auf Grundlage
einer ererbten Veranlagung vor. Ob eine genetische Untersuchung der BRCA-Gene sinnvoll ist oder nicht, kann nach Beantwortung der folgenden Fragen besser eingeschätzt werden:
Welche Familienkonstellationen sind charakteristisch für familiären Brust- und Eierstockkrebs („Risikofamilien“, Verwandtschaft 1. und 2. Grades)

  • Ist die Patientin selbst erkrankt und war sie bei Erkrankungsbeginn jünger als 31 Jahre?
  • Sind in der Familie drei Frauen mit Brustkrebs erkrankt, unabhängig vom Alter?
  • Sind in der Familie zwei Frauen mit Brustkrebs erkrankt, davon eine vor dem 51. Lebensjahr?
  • Ist eine Frau an Brustkrebs vor dem 36. Lebensjahr erkrankt?
  • Ist in der Familie eine Frau mit beidseitigem Brustkrebs vor dem 41. Lebensjahr erkrankt?
  • Sind in der Familie eine Frau mit Brustkrebs und eine Frau mit Eierstockkrebs erkrankt, unabhängig vom Alter?
  • Sind in der Familie zwei Frauen mit Eierstockkrebs erkrankt, unabhängig vom Alter?
  • Ist in der Familie ein Mann mit Brustkrebs erkrankt?
  • Ist bei Familienangehörigen eine Mutation in einem BRCA-Gen diagnostiziert worden?

Wurde mindestens eine dieser Fragen mit „ja“ beantwortet, kann eine Untersuchung der BRCA-Gene in Erwägung gezogen werden. Die Durchführung einer genetischen Beratung ist zu empfehlen.

Wenn „nein“:
Nach derzeitigem Kenntnisstand ist eine genetische Untersuchung der BRCA-Gene nicht angezeigt. Sollten noch Fragen zu diesem Thema bestehen, kann selbstverständlich eine genetische Beratung in Anspruch genommen werden.

 

Was kann die Genetische Beratung leisten?

Die Genetische Beratung kann anhand der persönlichen Anamnese und der Familienvorgeschichte klären, ob im Einzelfall eine Risikofamilie vorliegt. Bevor eine Untersuchung der BRCA-Gene veranlasst wird, sollten die besonderen Konsequenzen dieser Entscheidung sorgfältig abgewogen werden.
Das Lebenszeitrisiko einer BRCA1 –Trägerin liege laut aktuellen Zahlen aus Großbritannien im Durchschnitt bei 60 %. Grundsätzlich sollte man bei der Beratung aber nicht das Lebenszeitrisiko in den Vordergrund stellen, sondern das individuelle Risiko in den nächsten Jahren.
Erste Ergebnisse aus einem Früherkennungsprogramm mit 4.500 Risikopatientinnen zeigen, dass die mittelfristigen Erkrankungsraten niedriger sind als gedacht. So waren nach fünf Jahren rund 12 % der BRCA-Mutationsträgerinnen erkrankt. Bei 20 – 30 jährigen Frauen mit einer BRCA1 Mutation liegt die Erkrankungsrate bei etwa 8 pro 1.000 Frauenjahre; das ist nur wenig mehr als das Risiko in der Allgemeinbevölkerung. Bis zu einem Alter von etwa 60 Jahren steigt das Risiko, danach sinkt es wieder. So kann bei einer BRCA-Mutationsträgerin, die schon Mitte 50 geworden ist, von einer prophylaktischen Operation durchaus Abstand genommen werden.
Wie bei jeder anderen genetischen Diagnostik wird empfohlen, Möglichkeiten, Einschränkungen und den klinischen Handlungsbedarf einer solchen Analyse im Rahmen einer genetischen Beratung zu besprechen, damit bei einem eventuell erhöhten Risiko die daraus abgeleiteten Maßnahmen nicht mehr Schaden als Nutzen anrichten. Dies entspricht dem Vorgehen, wie es das Gendiagnostikgesetz regelt. Eine genetische Beratung erfolgt durch einen spezialisierten Facharzt, der / die detailliert über die Diagnostik und deren Konsequenzen Auskunft gibt. Dies ermöglicht, eine informierte Entscheidung für oder gegen die Durchführung einer BRCA-Diagnostik zu treffen.
Unter Einbeziehung der vorgenannten Risikokonstellationen kann individuell abgeschätzt werden, wie groß die Wahrscheinlichkeit einer genetischen Ursache für die Brustkrebserkrankung ist. Betroffene haben dann die Wahl, an einem intensivierten Früherkennungsprogramm teilzunehmen, oder eine beidseitige Brust- und / oder Eierstockentfernung durchführen zu lassen. Doch wie entscheidet man richtig?
Der Kurzschluss, aus einem erhöhten Erkrankungsrisiko unmittelbar einen klinischen Handlungsbedarf abzuleiten, kann falsch und potenziell gefährlich sein. Die Entscheidung, welche präventiven Maßnahmen die Trägerin einer Mutation in Anspruch nimmt, liegt ganz im persönlichen Ermessen. Durch die intensivierte Früherkennung wird in 85 Prozent der Fälle Brustkrebs zeitig erkannt, das heißt in einem heilbaren Stadium. Diese stellt für viele Frauen somit eine gute Alternative zur prophylaktischen Brustdrüsenentfernung dar.

Präventive Maßnahmen bei nachgewiesener Veränderung in den BRCA-Genen

Sollte sich eine Veränderung in einem der BRCA-Gene finden, lassen sich Schritte zur Früherkennung einleiten, die das Risiko eines fortgeschrittenen Krankheitsstadiums reduzieren.

Zu diesen Maßnahmen zählen:

AlterUntersuchungHäufigkeit
ab dem 25. Lebensjahr
(bzw. 5 Jahre vor
dem frühesten Erkrankungs-
alter in der Familie)
Selbstuntersuchung
der Brust

Tastuntersuchung
durch Frauenarzt

Brustultraschall
monatlich


jährlich


halbjährlich
ab dem 30. Lebensjahr
(oder ab dem 35. Le-
bensjahr, abhängig von
der Brustdrüsendichte)
Mammographiejährlich
ab dem 40. Lebensjahreventuell
Brustultraschall

Mammographie in
2 Ebenen
jährlich


jährlich
zwischen dem 25. und
50. Lebensjahr bei
Mitgliedern von Hoch-
risikofamilien oder bei
unklaren Ultraschall- /
Mammografie-Befunden
Kernspintomographie
(Magnetresonanz-
tomographie, MRT)
jährlich

Lebensstil
Dem Lebensstil scheint ebenfalls eine hohe Bedeutung zuzukommen. Es liegen mittlerweile Daten vor, die den Nutzen eines gesundheitsfördernden Lebensstils hinsichtlich der Reduktion des Krebsrisikos insbesondere für Hochrisiko-Patientinnen nachweisen. Dabei stehen eine ausgewogene, fettarme Ernährung und der gemäßigte Ausdauersport im Mittelpunkt. Fettreiche Ernährung und Alkoholgenuss waren konstant mit einer Risikoerhöhung assoziiert. Eine Kalorienrestriktion kann zur Verminderung des Erkrankungsrisikos bei BRCA-Mutation führen.
Bezüglich sportlicher Aktivitäten zeigte die Studienlage für alle Brustkrebspatientinnen auch im Krankheitsfall eine Verbesserung therapiebedingter Beschwerden sowie einen prognostisch günstigeren Verlauf. Eine Untersuchung des Einflusses sportlicher Aktivität und Ernährung bei vorhandener Mutation wird an Zentren des Deutschen Konsortiums in Kürze beginnen.

Vorteile und Grenzen genetischer Diagnostik bei Brust- / Eierstockkrebs

Vorteile

  • individuelle Abschätzung der Wahrscheinlichkeit an Brust- / Eierstockkrebs zu erkranken
  • bei Nachweis einer genetischen Veränderung:
    • Einleitung von Vorsorgemaßnahmen, die eine frühzeitige Diagnose und Therapie einer Krebserkrankung ermöglichen und mit einer deutlichen verbesserten Überlebensprognose einhergehen 
    • Ermöglichung der Risikoabschätzung für Familienangehörige und ggf. Durchführung einer molekularen Diagnostik
  • der Nachwies einer nicht vorhandenen genetischen Veränderung kann entlasten

Grenzen

  • ausschließliche Analyse der Gene BRCA1 oder BRCA2.
    Andere genetische Ursachen werden nicht erfasst.
  • Die durchschnittliche Auffindungsrate von Veränderungen in den beiden Hochrisikogenen 

BRCA1 und BRCA2 in belasteten Familien beträgt circa 25 Prozent.
Wird keine Veränderung in einem der bisher bekannten Brustkrebsgene gefunden, kann
betroffenen Frauen keine endgültige „Entwarnung“ gegeben werden, denn BRCA1/2 sind
nur für etwa 50 Prozent der erblich bedingten Mammakarzinome verantwortlich.

Bitte sprechen Sie mich gerne an, wenn Sie weitere Fragen zu dieser Thematik haben.

zuletzt aktualisiert am 6. Dezember 2017 um 13:47 Uhr